Drawing: “Irmgard Keun”

[Gilgi:] »Martin, du bist eine vorbildliche Hausfrau. Und Sekt! Diese Verführungslimonade hast du bei mir doch nicht mehr nötig.«

Irmgard Keun was a German writer who had her greatest success in the first years of the 1930s. She was one of the many artists who went into exile trying to escape Nazi rule. I’ve just read her novel »Gilgi – eine von uns« and it has deeply impressed me. Since the book, however, has never been translated into English I hope my readers will bear with me when I now continue with more thoughts on the book in Keun’s mother tongue. (Update: my friend Dirk just told me that there actually is an English translation, titled »Gilgi, One of Us«, obviously.)

[zu Besuch bei einer verarmten Familie] Verlegen und ungeschickt streichelt Gilgi dem kleinen Mädchen, das stumm und starr neben ihr steht, über das dünne, silberblonde Haar – sie hat Kinder nie leiden können und kann nicht mit ihnen umgehen –, das Kind drückt den Kopf fester gegen die streichelnde Hand – die winzige zärtliche Tierchenbewegung treibt Gilgi beinahe Tränen der Rührung in die Augen. […] Tief unten auf der Straße spielt ein Orgelmann, Fetzen vom Wolgalied dringen herauf. Das kleine Mädchen zirpt mit hohem, hellem Stimmchen ein paar unverständliche Worte – es ist so häßlich mit seinem spitzen fahlen Gesichtchen – und es ist so ergreifend, die rührende Ahnungslosigkeit eines häßlichen Kindes.

Es ist fast unmöglich, eine Liste der besten Bücher zusammenzustellen, die man je gelesen hat. Aber »Gilgi« würde es sicherlich unter meine 25 Lebensbücher schaffen. Ich habe jede Zeile verschlungen und war tief eingetaucht in die Welt, die Irmgard Keun mit breiten, expressiven Strichen malt. Dieser Roman ist bewegend, poetisch, und er ist ungemein modern. Moderner als so manches, was es heute zu lesen gibt. In jeder Hinsicht: sprachlich, thematisch, in seiner psychologischen Feinfühligkeit und Genauigkeit. Er hat Verve, Empathie, Humor – beinahe hört man warmes Blut durch die Zeilen pochen.

Wie es um unsere Gegenwart bestellt ist, zeigen gut der Klappentext der (ansonsten sehr schönen) Ausgabe von List und auch der Wikipedia-Artikel zum Buch. Ich frage mich, ob die Schreiber dieser Zusammenfassungen diesen Roman überhaupt gelesen haben. Staubtrocken, blutleer und bürokratisch werden einzelne Geschehnisse aus dem Roman gerupft und aufgezählt. Das, worüber Keun eigentlich schreibt, wird gar nicht erfasst, nicht einmal ansatzweise. Der Klappentext und der Wikipedia-Artikel zu »Gilgi« sind etwa so, als beschriebe einer Thomas Manns »Zauberberg« als Buch über Tuberkulose und den schweizerischen Kurbetrieb der Belle Époque …

Zu allem Überfluss wird Irmgard Keuns Roman auch noch von interessierten Kreisen das Etikett feministisch aufgeklebt. Man möchte weinen – jedesmal weinen, wenn wieder verbohrte Anhänger irgendwelcher Ismen ein Kunstwerk für sich vereinnahmen, um es in ihre bleiernen Schuhe zu zwängen und zur trübselig einherhumpelnden Karikatur seinerselbst zu machen.

Nein, »Gilgi« ist kein feministisches Buch – es ist einfach ein gutes Buch, ein großes Buch, ein ganz für sich stehender umwerfender Roman, der unter die deutschsprachigen Klassiker der Moderne gehört und den ich Ihnen hiermit dringend ans Herz lege.

Furchtbar viel Zeitungen schreiben – rechts und links – und rechts und links ist nicht mitten hinein. Und die Welt hält sich den Bauch vor Lachen – pinselt mir nur eure Gesinnungsfarben ins Gesicht – ein einziger, winziger Regentropfen wäscht sie ab …